„Prävention ist kein Projekt – sie ist eine dauerhafte Haltung“:

07. Jul 2026

Psychologie-Professorin und ehemalige HG-Schülerin Prof. Dr. Katharina Anna Fuchs spricht über den Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt

Das Forum war gut besucht, als am Montagabend, 29. Juni 2026, die renommierte öffentliche Alumni-Vortragsreihe unserer Schule fortgesetzt wurde. Die ehemalige HG-Schülerin Prof. Dr. Katharina Anna Fuchs reiste eigens für diesen Abend von Rom nach Ellwangen und referierte zum Thema „(Digitale) sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – Hinweiszeichen erkennen, um möglichen Folgen präventiv begegnen zu können“.

„Von der Jagst an den Tiber“

Unter dem Titel „Von der Jagst an den Tiber“ skizzierte die Referentin, die in Stimpfach aufwuchs und ihr Abitur 2003 am HG ablegte, ihren Werdegang. Die Verbundenheit mit Rom sei bereits zu Schulzeiten entstanden, durch eine Studienfahrt dorthin und den Latein-Leistungskurs. Nach dem Psychologiestudium an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und einem Auslandssemester im Studienjahr 2006-2007 mit mehreren Praktika in Deutschland und Rom folgte eine Promotion im Bereich der Klinischen Psychologie an der KU Eichstätt-Ingolstadt zum Thema „Emotionserkennung und Empathie bei sozial ängstlichen Menschen und Menschen mit psychopathischen Verhaltensweisen“. Auch angesichts von damals aufkommenden kirchlichen Missbrauchsskandalen spezialisierte sie sich nach ihrer Promotion immer mehr im Bereich der Forschung rund um Missbrauch und Gewalt und deren Prävention, so Fuchs weiter. Seit Herbst 2012 lehrt und forscht die Diplom-Psychologin nun an der Päpstlichen Universität Gregoriana; seit mehreren Jahren als außerordentliche Universitätsprofessorin. Dem Publikum vermittelte sie ein vielfältiges Bild dieser globalen, vielsprachigen Universität in Rom mit aktuell rund 3.300 Studierenden aus 127 Nationen. Heute lehrt Fuchs dort an der Fakultät für Sozialwissenschaften, am Institut für Psychologie sowie am interdisziplinären Zentrum St. Peter Favre. Sie berät Diözesen und Kurien, ist in Anhörungen von Betroffenen involviert und arbeitet mit Dikasterien zusammen; auch mit Schulen ist sie in regelmäßigem Kontakt und Austausch zu Themen rund um psychische Gesundheit und Prävention.

Der Mythos vom unbekannten Täter

Im weiteren Verlauf des Vortrags räumte die Psychologin mit einem Irrglauben auf: Wer an sexualisierte Gewalt denke, habe oft das Bild eines Fremden vor Augen, der nachts im Gebüsch lauere. „So etwas passiert, aber es ist vergleichsweise selten“, stellte Fuchs klar. Die Realität zeige vielmehr, dass der Täter dem Opfer in über 70 Prozent der Fälle bekannt sei. Bei diesen Bekanntschaftstätern handele es sich um Personen aus dem engeren Familienkreis sowie dem weiteren Umfeld (Freunde, Trainer, Betreuer). Meist werde gezielt Vertrauen aufgebaut, um eine geheime Beziehung zur Desensibilisierung des Opfers zu etablieren. Zudem verdeutlichte sie das enorme Dunkelfeld in diesem Bereich: Während die Kriminalstatistik für 2024 exakt 16.354 angezeigte Fälle in Deutschland ausweise, schätze die Weltgesundheitsorganisation die tatsächliche Zahl auf bis zu eine Million betroffene Kinder und Jugendliche – "statistisch sind das ein bis zwei Kinder pro Schulklasse“. Mädchen seien mit 70 bis 80 Prozent nochmal deutlich häufiger gefährdet als Jungen.

Schwere Folgen für die Betroffenen

Um das Leid der Betroffenen mehr in den Fokus zu rücken, unterstrich Fuchs die Bedeutung, den Begriff „Kinderpornografie“ konsequent durch „Kindesmissbrauchsmaterial“ zu ersetzen. Die Folgen für Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind, beschrieb Fuchs als äußerst tiefgreifend. Betroffene litten unter Scham, Ohnmacht, Schuldgefühlen und einem zerstörten Urvertrauen. Das Risiko für schwere psychische Erkrankungen wie z. B. Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder gar posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) sei hier massiv erhöht. Erfolgt der Missbrauch im kirchlichen Kontext, entstehe zudem oft eine spirituelle Wunde, bei der das Gottesbild des Opfers zerbreche und Angst vor religiösen Strafen entstehe. Umso wichtiger sei es, Verhaltensindikatoren altersangemessen zu deuten: Während sich die Konsequenzen des Erlebten bei jüngeren Kindern oft durch Weinen, Albträume oder Furcht vor bestimmten Orten oder Personen äußere, zeige es sich bei älteren Jugendlichen eher durch Indikatoren wie plötzlichen Leistungsabfall, Konzentrationsmangel, Aggressivität oder Rückzugsverhalten. Bei plötzlichen Verhaltensänderungen, so Fuchs weiter, müsse das Umfeld also stets aufmerksam hinschauen.

Neue Gefahren durch Künstliche Intelligenz

Einen breiten Raum im Vortrag nahm die Analyse digitaler Gefahren ein. Im Zeitalter des Internets verwischen die Grenzen: Über Cybergrooming würden sich Täter unter falschen Identitäten („Fake-Profilen“) nach und nach das Vertrauen von Minderjährigen in sozialen Medien erschleichen, um später bspw. intime Fotos anzufordern. Zudem würden Jugendliche (u.a. durch Gruppendruck) seit einigen Jahren vermehrt intimes, erotisches oder sexuell eindeutiges Material (Bilder, Videos oder Textnachrichten) generieren, versenden, empfangen oder weiterleiten (Sexting). Prof. Dr. Katharina Anna Fuchs: „Was einmal im Netz hochgeladen wurde, hinterlässt Spuren. Selbst wenn man es wieder löscht – irgendjemand hat es vermutlich heruntergeladen und gespeichert und kann es folglich jederzeit wieder hochladen.“ Besonders rasant steige außerdem die Gefahr durch künstliche Intelligenz und Erpressungen (Sextortion): Mithilfe fotorealistischer KI können Täter heute Fotos aus Social-Media-Profilen manipulieren und damit ihre Opfer erpressen. Echte Bilder seien zudem immer schwieriger von KI-generierten Bildern zu unterscheiden.

Eine Kultur des Hinsehens

Gegen Ende ihres Vortrags betonte die Diplom-Psychologin, wie wichtig für Kinder und Jugendliche informierte, aufmerksame und empathische Erwachsene als Barriere gegen Missbrauch seien. Betroffene brauchen Bezugspersonen, die ihnen zuhören und glauben, das Leiden begreifen und eine klare Null-Toleranz-Haltung zeigen. Fuchs riet, sich bei konkretem Verdacht stets an professionelle Fachberatungsstellen bzw. Personen mit Expertise in der Thematik und Erfahrung in der Beratung zu wenden (Infos bzw. konkrete Beratungsangebote finden sich bspw. über das „Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch“, das „Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch“ oder die „LKSF-Baden Württemberg e.V.“). Ihren Vortrag schloss sie mit den Worten: „Prävention geht alle an. Wenn wir empathisch und aufmerksam sind, haben wir die Möglichkeit, viel zu bewirken und das Dunkelfeld zu erhellen. Prävention ist kein Projekt – sie ist eine dauerhafte Haltung.“

Text: Tobias Bartsch

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